Die Mehrhunde sind los

Wer wüsste es besser als Podenco-Halter, die selten mit nur einem Paar Tütenohren auskommen: Mehrhundehaltung ist in Mode! Die Hunde-Zeitschriften sind voll davon, Seminare und Ratgeber zum Thema vermehren sich fast noch schneller als die Hunderudel. Aber ist es wirklich nur eine Modeerscheinung? Ist Mode nicht das, was man für den Augenblick mitmacht, weil es cool ist und weil viele es tun – und in aller Regel keine Mühe macht? Mehrhundemutti, Mehrkindermutti oder von mir aus auch Veganer (weil das gerade so schön im Trend ist 😎 ) wird ein Mensch, der weiter als bis zur Nasenspitze denkt, aber sicher nicht nur, weil es gerade angesagt ist. Dazu braucht es schon Überzeugung und Leidenschaft, sonst hält man dem Alltag nicht lange stand.

Mehr Hunde, mehr Mühe

Im Haus sind die Mühen der Mehrhundehaltung noch vergleichsweise leicht zu bewältigen, auch wenn man stets gegen Dreck und Chaos kämpft und clevere Methoden entwickeln muss, um der Hunde(-haltung) Herr zu bleiben (s. https://podifee.com/2013/06/02/schneller-wohnen-mit-hund)  Pfoten abwischen beim Reinkommen aus dem Regen? Ich lege lieber Fußmatten und Handtücher aus und wische später den übrigen Boden, das geht schneller. Regenmäntel für die Hunde? Ich hätte nicht mal genug Platz zum Trocknen so vieler Mäntel, also hänge ich die nassen Hunde gleich vor den Kamin – bisher haben das noch alle ohne Erkältung verkraftet.

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Auf der Straße braucht es vor allem Überblick – und Rückgrat. Egal ob Hunde oder Kinder: Wer sich mit mehr als zwei davon gleichzeitig in der Öffentlichkeit zeigt, ist noch immer Talk of the Town. Schon Generationen der hiesigen Dorfjugend haben anhand meiner Hunde das Zählen erlernt („Wieviele Hunde hat die Frau da, Cheyenne-Shanya?“) und ebenso viele Erwachsene die Grundrechenarten repetiert („Waren Sie nicht gestern mit drei mehr/weniger/anderen Hunden unterwegs?“) Und wenn mal ein Hund ausbüchst, wissen sogar Menschen, die ich selbst zuvor nie wahrgenommen habe, an welcher Haustür sie ihn wieder abliefern müssen 😯

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Leider umgibt mich dabei aber auch das Stigma des Asozialen und Tier-Messies.  „Sind das alles Ihre?“, „Sind Sie vom Tierheim?“, und „Leben die etwa alle im Haus?“   sind nur einige der verständnisfreien Standardkommentare. Mehr als einmal habe ich – angesichts der schlanken Gestalt der Podencos – auch schon hören müssen:  „So viele Hunde haben, aber dann nicht füttern. Anzeigen sollte man Sie!“  Erfrischend anders habe ich nur eine einzige Bemerkung in Erinnerung: „Mein Gott, Sie wären wohl besser ein Kraken geworden …“  😀 😀 😀

Von der Last des Auslastens

Sogar Ein- und Zweihundehalter haben oft große Vorbehalte, weil sie sich nicht vorstellen können, dass man soo vielen Hunden noch gerecht werden kann. Auslastung ist der Begriff, der mir inzwischen beinahe die Nackenhaare aufstellt 🙄

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Richtig, vielleicht habe ich nicht genug Zeit, um die Neigungen jedes einzelnen Hundes speziell zu fördern. Auf die Rennbahn schaffen wir es nicht jede Woche,

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und auch Agility machen wir nur frei Schnauze auf selbstgebastelten Geräten im eigenen Garten. Auf unseren Spaziergängen müssen die Hunde mit der Gruppe schwimmen, sonst kommen wir nicht voran.

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Schlimm? Manchmal bin ich geneigt zu denken, dass die (Über-)Förderung mancher Einzelhunde viel eher als meine gelegentlichen Gewissensbisse der Sorge entspringt, der Hund könnte etwas vermissen. Wenn ich meine Podis jedenfalls so anschaue, wie sie sich gegenseitig lausen, fangen spielen oder Tau ziehen, wie sie harmonisch mit dem Kopf im selben Mauseloch oder Napf stecken oder gestapelt im Körbchen oder in meinem Bett liegen, dann sehen sie weder unglücklich noch unterfordert aus.

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Mehr Hunde  – mehr Plan?

Unterfordert bin ich selbst sicher auch nicht – aber eben auch nicht überfordert. Wie das geht?  So ganz genau weiß ich das auch nicht.  Mein „loser Hundeverband“ hat sich jedenfalls prima zusammengefügt, arrangiert sich meist problemlos auch mit wechselnden Pflegehunden und das, ohne dass ich ein Mehrhunde-Seminar besucht hätte oder einem bestimmten Hundebild folgen würde.  An meiner erzieherischen und Führungskompetenz liegt es also eher nicht. Oder vielleicht doch …?

Me and ERNIE MIEL ODILE and PELLE

Inzwischen habe ich grob überschlagen immerhin rund 60 Jahre Hundeerfahrung – noch mehr, wenn man die Vielzahl der Hundezusammenführungen und Interaktionen zwischen den Hunden und die Pflegestellenbetreuung hinzu nimmt. Ich weiß, das heißt nicht unbedingt viel: Meine Mutter fuhr fast genauso lange Auto und war dennoch nie gut darin 😎 Aber ein Indiz ist es vielleicht schon …

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More Dogs, less Dogmas

Meine Hunde führe ich wie meinen Haushalt – eher pragmatisch 😎  Meist aus dem Bauch heraus, in dessen Fleisch und Blut mir die Verhaltensmodelle und Erziehungsansätze, die ich im Laufe der Zeit am überzeugendsten und in meinen.eigenen Erfahrungen wieder fand, inzwischen übergegangen sind. In der Summe hat das weder viel mit Wattebäuschchen werfen noch mit großer Strenge zu tun.  Liebe, Geduld und Konsequenz heißt der bewährte Dreiklang, übrigens nicht nur bei Hunden. Wenn ich sein Verhalten toll finde, lasse ich’s meinen Hund wissen; wenn ich’s doof finde, auch. Radikalere und einseitigere Konzepte – insbesondere wenn sie einer überzeugenden wissenschaftlichen Grundlage entbehren (wie die aktuell so trendigen, vermeintlich genetisch festgelegten Rudelstellungen 🙄 ) – sind mir nicht nur in der Hundeerziehung zuwider. Ich erwarte kein Rudel, das völlig ohne mein Zutun funktioniert, und auch keine Hunde, die sofort parieren – und dennoch funktioniert das Zusammenleben für mich und offenbar auch für meine Hunde erstaunlich leicht.

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Mehrhunde sind cooler

Vielleicht, weil die Mehrhunde mindestens so gut wie ich wissen, wie’s geht? Gerade Podencos werden schließlich seit jeher auch auf Geselligkeit, Sanftheit und Anpassungsfähigkeit selektiert. Und wie sagte Thomas Baumann neulich so treffend in einem Vortrag zum Thema Mobbing: Nur Hunde können Hunde sozialisieren. Die souveränsten und umgänglichsten Hunde, die ich kenne, sind in der Tat Mehrhunde.  Sie sind eben wie Geschwister: Das Zusammenleben ist vielleicht nicht immer reibungslos, gerade in Zeiten, in denen Alter und Interessen nicht sonderlich harmonieren. Aber das Maß an Sozialkompetenz und Vertrautheit, das Kinder einer Familie in aller Regel entwickeln, ist durch nichts zu ersetzen.

Wie oft reißen Einzelhundehalter beim Anblick meiner Jungs und Mädels (die fremde Hunde meist komplett ignorieren) ihren Hund an sich und teilen mir ungefragt mit, dass ihr Hund keine Rüden mag, keine weißen Hunde und außerdem Angst vor großen, kleinen, dicken, dünnen und überhaupt vor so vielen Hunden hat. Die Panik seh ich dabei fast immer eher in den Augen des Halters … wie soll Einzelhund so auf Dauer cool bleiben?

Ergo, nicht nur die Mehrhunde sind cooler, auch ihre Muttis 😉

  • Einzelhundemoms gehen selten ohne Hund weg; Mehrhundemoms sind froh, wenn sie die Bande mal daheim lassen können 😎
  • Einzelhundemoms machen aus vielen Entscheidungen eine Doktorarbeit; Mehrhundemoms machen kurzen Prozess – und schneiden neben dem Füttern noch drei Hunden die Krallen und beantworten E-Mails vom Chef 🙂
  • Einzelhundemütter machen oft schon aus einer kleinen Rauferei oder Macke ein Riesending; Mehrhundemoms zackern nicht lang rum und tackern selber.
  • Ein Spaziergang mit einem Hund ist Entspannung; mit 5 oder mehr Hunden ist es Gehirn-Jogging! Denn Multiple Mom muss permanent durchzählen, mit X Flexileinen jonglieren und Y Hundenamen treffsicher abrufen, nebenbei Spielchen spielen, Schuhe neu binden und telefonieren inklusive. Das macht den Kopf frei, weil man garantiert keine Zeit hat, zusammenhängend über irgendetwas nachzudenken 😉
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Klingt gar nicht cool, sondern stressig? Manchmal sicherlich. Und natürlich muss das nicht jeder für sich wollen. Genauso wenig wie die Überzeugungen der Menschen sind auch ihre Belastungsgrenzen gleich. Meine scheint recht hoch zu sein 😉 , und ich liebe meine große Bande wie verrückt; liebe es, sie miteinander zu beobachten, täglich die Facetten eines Einzelnen neu für mich zu entdecken, und überhaupt immer den passenden Hund für jede Gelegenheit, Stimmung und Aktivität zu haben. Ich möchte keinen Einzigen missen!

Nur eine Kleinigkeit würde ich im nächsten Leben ändern wollen: Es müssen ja nicht gleich 8 sein, aber zwei, drei Arme mehr wären schon schön 😎

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19 Gedanken zu “Die Mehrhunde sind los

  1. DANKE, Du sprichst mir aus der Seele!!!

    Habe 6 Hunde daheim (von klein bis groß) und frage mich inzwischen wie es Menschen geben kann, die schon mit einem Hund überfordert sein können 🙂

    • Wunderbar geschrieben! Habe 3 erwachsene Kinder( sicher auch asozial) u seit 2006 immer 4-5 Galgos! ❤ Bin glücklich, sie im Feld rennen zu sehn! Was andere Menschen, dazu sagen, interessiert mich nicht! Mein Motto; Leben u Leben lassen!!! 🙂

  2. Super geschrieben, genaus so ist es. Habe 9, war in der Stadt bekannt wie ‚ein bunterHund‘ 🙂 auch böses wurde mir unterstellt, man braucht starke Nerven und die moderen Bezeichnung die gerne in den Mund genommen wird man sei ein animalhorder ist nicht leicht zu ignorieren.

  3. Trifft wie die Faust aufs Auge! Toll! Ja so ist das Leben der Mehrhundehalter! Habe hier auch Hundehotel dabei. Die Kundenhunde profitieren alle sehr von dem gemischten Rudel!

  4. Spricht mir total aus der Seele! Ich habe zwar „nur“ drei Hunde erlebe es aber ebenfalls genau so. Ein wirklich toller Bericht!!

  5. Sehr schön geschrieben – nur auf die Flexileinen verzichte ich bei unserem Langnasenrudel. Leinensalat soll zwar gesund sein ;-), aber im „Ernstfall des Jagenwollens“ halte ich andere Leinen deutlich sicherer. Die Sprüche und Vorurteile kenne ich ebenfalls zur Genüge. Als „gegen den Stromschwimmerin“ mit Unterstützung im Familienverband ist man unpassende Sprüche jedenfalls von anderen Menschen gewohnt. Bei 5 bzw. jetzt leider nur noch 4 Hunden fühlen wir uns alle wohl, niemand kommt zu kurz, wer gefordert werden muss, wird es auch, aber das ist kein Patentrezept, man muss genau hinschauen, die Hunde kennen und dann sieht man genau, was dieses Fellseelchen glücklich macht.

    • Sehr schön geschrieben – nur auf die Flexileinen verzichte ich bei unserem Langnasenrudel. Leinensalat soll zwar gesund sein ;-), aber im “Ernstfall des Jagenwollens” halte ich andere Leinen deutlich sicherer. Die Sprüche und Vorurteile kenne ich ebenfalls zur Genüge. Als “gegen den Stromschwimmerin” mit Unterstützung im Familienverband ist man unpassende Sprüche jedenfalls von anderen Menschen gewohnt. Bei 5 bzw. jetzt leider nur noch 4 Hunden fühlen wir uns alle wohl, niemand kommt zu kurz, wer gefordert werden muss, wird es auch, aber das ist kein Patentrezept, man muss genau hinschauen, die Hunde kennen und dann sieht man genau, was dieses Fellseelchen glücklich macht.

  6. Es ist doch echt erfrischend zu lesen und versetzt einem unweigerlich ein schmunzeln ist Gesicht. Unser Rudel ist auch nicht so groß aber das nachdenken wie bei einem Hund haben wir schon längst abgeschaft 🙂

  7. Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel !!!! Schon lange keinen Artikel mehr gelesen, der so der Realität entspricht 🙂 SG Petra

  8. Genialer Text, so sympathisch und „mitten aus dem Leben geschrieben“, gefällt mir sehr, auch wenn ich nur drei Hunde habe. Allerdings bin ich durch meine Hundebetreuung auch ab und zu mit bis zu fünf Hunden ausgestattet. Mehr als drei eigene würde ich nicht halten wollen, aber ich finde es super wie du das managst und ich denke auch, grad in Gruppen sind die Hunde am zufriedensten, entspricht es doch sehr ihrem Naturell, nie alleine zu sein.

  9. Super geschrieben, entspricht (außer den Flexi-Leinen) exakt auch meiner erlebten Realität! Ich habe ein Neuner-Rudel, Greyhounds, Galgos, Whippets und einen alten Ridgeback und obwohl es letztendlich sehr arbeitsintensiv ist (bei ganz mieser Witterung gibts auch neun Mäntel) möchte ich keinen der Bande missen und freue mich jeden Tag über unsere gemeinsamen Spaziergänge oder das Kuscheln vor dem Kaminofen auf dem Sofa.
    Die Resonanzen der Mitmenschen beim Laufen in der Stadt oder auf dem Land sind durchweg positiver Art, über die wenigen Grantler mit dummen Sprüchen kann ich meistens ganz gut hinwegsehen. Und ich schaff’s immer noch bei der Frage “ ach, züchten Sie?“ mein Sprüchlein vom Tierschutz und den entsorgten „Rennmaschinen“ aus Irland aufzusagen. Ich werde sicher nicht immer neun Hunde halten, aber ich werde immer Mehrhundhalter bleiben!

  10. das könnte auch aus meinem Leben beschrieben sein.ich fand mich wieder,bis auf die Flexileinen.Herrlich erfrischend geschrieben….toll.

  11. haha! Das Bild von den Flexi 😀 😀 Kenn ich!!! 😀 Sind zwar „nur“ 3, aber dabei entsteht auch schon lustiges Flechtwerk 😀 Du schreibst mir aus der Seele. Vorher 3 Kinder, die jetzt erwachsen sind, und jetzt 3 Hunde. VOLLASI! 😀

  12. Sehr schön! Bin zwar Katzenmensch, derzeit 3, aber i.W. aus Zeitmangel mit Vollzeitjob. Mein schönstes Hundeerlebnis war beim Laufen im Wald als ich 2 oder 3 mal ein älteres Paar traf mit 7. Beim 1. Mal hatte ich leichte Bedenken wie das würde (hab keine Probleme mit Hunden, aber Sieben?) und beim 2.Mal freute ich mich schon von weitem, so toll waren die als sozialisiertes Rudel ohne jedes Interesse an der fremden … vielleicht 2 kamen auch nur auf 2m zum Duftaufnehmen. Toll

  13. Pingback: What a difference a year makes … | Welcome to Podifee's Blog.

  14. Musste echt lachen. Hab zwar „nur“ 3 Mischlinge, kenne das aber. Vor allem die Sprüche sind eins zu eins. Fantastisch überall ist es das gleiche. Aber einer im Dorf muss ja für klatsch sorgen 😉

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