Facebook sei Dank: Von der seltsamen Karriere einer exotischen Rasse und ihrer Halter

Als ich vor Jahren begann, mich für ausrangierte Ibicencos auf Mallorca einzusetzen, war die Welt noch schwarz-weiß: Die spanischen Jäger waren die „Bösen“, die ihre Tiere vernachlässigten, ausbeuteten und wegwarfen; und die deutschen Tierschützer im Ausland „retteten“ sie und vermittelten die geschundenen Tiere in mitleids- und liebevolle deutsche Familien, die einen Sinn im Auslandstierschutz sahen und sich für diese ungewöhnliche Rasse begeistern konnten. Züchter gab es damals in Deutschland nur einen einzigen, von eher zweifelhaftem Ruf.

Seither ist die Zahl der Podenco Ibicenco-Freunde hierzulande stetig gewachsen, ein klein wenig auch durch unser eigenes Zutun, und mit ihr der Anspruch an ihre Auslastung und artgerechte Beschäftigung. Parallel dazu wurde Aufklärung hier wie dort betrieben, die Haltungsbedingungen der Hunde bei den Jägern auf Mallorca haben sich spürbar verbessert, und die schlechte Meinung über „die Spanier“ hat sich – durchaus zu Recht – relativiert.

Facebook macht’s möglich

Was diese Entwicklung dramatisch beschleunigt hat, war Facebook. Über Facebook konnten sich plötzlich blitzschnell Ibicenco-Freunde in aller Welt – Tierschützer wie Tierhalter, Züchter oder Jäger – finden und miteinander vernetzen. Absolut faszinierend zum Beispiel zu erleben, wie Menschen über interkontinentale Umwege erfahren haben, woher das Tier auf ihrem Sofa ursprünglich stammt und wer seine Eltern oder Geschwister sind. Schöne neue Welt.

Der ursprüngliche Gedanke, einem Ibicenco aus einer Notsituation zu helfen und sich auf ihn und seine Bedürfnisse einzustellen, weicht in diesem Umfeld der Rasse-Fans allerdings immer mehr dem Anspruch, das perfekte Sportgerät für die vom Menschen bevorzugte Beschäftigung Mantrailing/Coursing/Rennbahn oder Ausstellung zu finden. Die Hunde sollen immer schöner, perfekter, reinrassiger, jünger werden – und am besten von bester Abstammung und frisch und direkt vom Jäger oder Züchter, mit dem man ja per Facebook eh schon „befreundet“ ist. Staunend schaut man zu, wie Menschen, die man aus Überzeugung im Lager der Tierschutzverfechter wähnte, plötzlich zu Erstnachfragern werden, die damit die Produktion auch in Nordeuropa stimulieren und sich womöglich sogar selbst irgendwann berufen fühlen, Ibicencos zu züchten – sei es mit Registerhunden oder solchen mit Ahnentafel; aus der Überzeugung heraus, die Rasse von Deutschland aus „retten“ zu müssen, oder auch nur, weil der eigene Hund so toll ist, dass er sich unbedingt mal vermehren sollte. Und am Ende wird z.T. sogar noch auf den Tierschutz geschimpft, der die Spanier zu Unrecht verunglimpfe oder ihnen gar die Tiere klaue … Verkehrte Welt.

INNOKO
2010 als Welpe mit Mutter und Geschwistern an uns abgegeben, holt diese Hündin heute allerlei Titel bei Hundeausstellungen und Sportwettbewerben. Ibicenco Nummer 2 der Familie kam dennoch direkt aus spanischer „Produktion“.

Nichts mehr zu retten?

Die Jäger aus Ses Salines, von denen wir die meisten unserer Podenco-Schützlinge haben, behandeln ihre Tiere durchweg gut: Ihre Hunde  sind geimpft, gut versorgt und gepflegt und dürfen ihrer Aufgabe nachgehen. Dennoch sind sie nicht bereit, hohe Tierarztkosten für verletzte oder kranke Tiere zu bezahlen oder jagduntaugliche Hunde zu behalten. Und so bekommen wir jedes Jahr wieder Ibicencos aller Altersklassen, die sie nicht mehr gebrauchen können – oft direkt vom Tierarzt, der sie eigentlich töten sollte: Welpen mit krummen Füßen oder einfach nur überschüssige Rüdenwelpen; Junghunde, die sich in ihrer ersten Saison nicht bewährt haben, jagdmüde Rüden und ausgediente Zuchthündinnen. Allein in dieser erst zwei Wochen alten Jagdsaison 2013 sind es schon 14 Podencos! Ich beschwer mich darüber nicht, die Abgabemöglichkeit in unserem Tierheim ist ja gewollt und in jedem Fall besser als andere Entsorgungsvarianten. Aber die Zahlen werden von Jahr zu Jahr bislang nicht weniger, und darüber hinaus gibt es auf der Insel auch immer noch ungewollte Ibicencos, von einem Jäger womöglich an den nächsten und dann an den Nachbarn verschenkt, die aus Gleichgültigkeit an viel zu kurzen Ketten oder in dunklen Verschlägen gehalten werden oder hungern müssen.

Foto 1PELVIS, ein halb verhungerter junger Ibicenco von Mallorca,
kam zu uns im Frühjahr 2012. Heute ist er einer von vielen fröhlichen
Ibicencos in Köln.

Solange es diese Hunde in großer Zahl gibt, ist unsere Arbeit nicht getan. Schaut man aufs Festland, wo die Lebensbedingungen und die Zahl der in Not geratenen Podencos aller Unterarten viel dramatischer sind, wird das noch deutlicher. Und unter diesen Umständen ist es für mich ein Rätsel, wie Menschen egoistische Motive (z.B. weil sie unbedingt die Eltern ihres Hundes mit Vornamen kennen möchten) so weit in den Vordergrund schieben können, dass sie ehemalige Überzeugungen so leicht über Bord werfen. Ein überzeugter Vegetarier macht ja auch an keinem von 365 Tagen eine Ausnahme, selbst wenn man ihm das Kobe-Steak direkt unter die Nase hält!? Oder war der Tierschutz in Zeiten vor Facebook womöglich doch nur die einfachste Möglichkeit, an einen Ibicenco zu kommen?

560838_10200161945160539_1005477394_nATHOS, mit 8 Wochen zusammen mit drei Brüdern ausrangiert,
sucht auch mit 10 Monaten noch immer ein Zuhause.

Second hand, first choice 

Ich sehe ein, ich bin der falsche Adressat für solche Art Motivation: Ich steh auf Second Hand! Dinge mit Patina, die Geschichten zu erzählen haben, Narben vom Leben tragen, unperfekt sind. Bei Häusern, bei Möbeln, auch bei Männern  (nur Unterwäsche und Schuhe bevorzuge ich ohne Vorleben 😉 ). Mir sind die Eltern meines Partners ebenso gleichgültig wie die meines Hundes – das Ergebnis, das ich vor mir sehe, reicht mir völlig, um es zu lieben (oder auch nicht), und das muss nicht perfekt sein.  Auch mit O-Beinen kann Mann gut Fußball spielen oder Hund mit Ringelschwanz schnell laufen. Wie kann ich von meinem Hund einen Stammbaum verlangen, wenn ich selbst keinen habe? Oder ist Kompensation gerade die Idee dahinter? Das erinnert mich an einen Spruch meines Vaters. Aufgewachsen als von Hänseleien geplagte Tochter eines Opel-Händlers, motivierte er mich gern mit den Worten: „Porsche fahren kann jeder. Für nen Opel braucht man Rückgrat!“

Es gibt mir übrigens keinen Kick sagen zu können (was Tierschützern oft vorgehalten wird), aus welch üblem Schicksal ich einen Hund „gerettet“ habe – ein so übles Schicksal haben die meisten unserer Schützlinge auf Mallorca ja gar nicht; sie waren bloß nicht mehr gewollt und hatten das Glück, in unserem Tierheim zu landen.

Hella%20+%20Tilda
TILDA und NARIZ, abgegeben mit wenigen Wochen wegen ihrer

deformierten Nasen, die sie aber in keiner Weise behindern.

Einen Behinderten-Fetisch habe ich auch nicht, meine Podencos dürfen ruhig am Stück und gesund sein, auch mental – auch davon gibt es genug ausrangierte. Ich finde es spannend, erwachsene Hunde kennenzulernen, zu sehen wie sie sich allmählich öffnen und verändern und neue Seiten an sich selbst entdecken. Und ich würde mich wohl schämen (und käme als Vorstand eines Tierschutzvereins wenig glaubwürdig rüber 😎 ),  einen Welpen vom Züchter zu kaufen oder gar selber Schöpfung zu spielen, solange es noch ebenso tolle Second-Hand-Podis gibt, die dringend ein neues Zuhause brauchen. Bei aller Liebe zur Rasse habe ich allerdings keine Lust, irgendwann auch noch die Scherben hinter deutschen Züchtern von Ibicencos aufzukehren. Und dafür gab es trotz der wenigen Züchter bis dato schon mehr als einmal Bedarf!

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DIAN_900_IMG_5649

900_IMG_6801APPLE, SAARTJE und QUIN, wunderschöne, makellose Ibicencos ohne Stammbaum,
die einfach nur zu viel waren.

À propos Rassezucht – ich muss da doch den Autovergleich noch mal aufgreifen: Jeder Autohersteller muss heute eine Rücknahmegarantie abgeben für seine Produkte. Von uns als Tierschutzverein erwartet man ebenfalls, dass wir uns für jeden Hund, den wir aufnehmen und womöglich nach Deutschland bringen, sein Leben lang verantwortlich fühlen – und das tun wir auch! Warum darf man das von Züchtern eigentlich nicht verlangen? Warum braucht es Tierschutzvereine oder gar öffentliche Tierheime, die sich nicht nur um Hunde aus Unfallwürfen und Hinterhofproduktion kümmern, sondern sogar hinter renommierten, verbandsorganisierten Züchtern aufräumen müssen, deren Liebe zum selbst gezogenen Hund oft eng gesteckte Grenzen hat!? Eine lebenslange Verantwortung für die Tiere würde Zucht weniger reizvoll machen und vielen Vereinen und Gemeinden viel Geld sparen.

Heimwerkerstolz

Man hört es raus, ich bin kein Freund von Rassezucht und finde fast jede Art der Motivation dahinter anmaßend, obwohl es sicher auch maßvolle und gewissenhafte Züchter gibt. Eine auf Windhunde spezialisierte Tierschutz-Kollegin sagt gerne: „Ich mag Züchter nicht. Aber einer muss den Job ja machen.“ Ist das wirklich so? Ich finde die Aussicht, dass aus dem Arbeitstier Ibicenco ein weiterer degenerierter Familien-  und Modehund oder in seinen Proportionen bizarr verzerrter Showhund (wie schon jetzt allein unter den Windhunden die Show-Greys mit ihren gigantischen Ausmaßen oder die Show-Afghanen mit ihrem monströsen Behang) werden könnte, eher traurig. Rassezucht mit dem Zweck einer Arbeitsleistung, die wirklich benötigt und abgerufen wird –  okay.  Aber den Ibicenco vor allem für seine Optik zu züchten, während die spezielle Leistungsfähigkeit, schon weil sie  hierzulande gar nicht genutzt und beurteilt werden kann, und womöglich der Charakter und  vielleicht sogar die Gesundheit immer mehr in den Hintergrund treten, dafür fehlt mir das Verständnis. (Abgesehen davon finde ich den ganzen Ausstellungszirkus mit seinen exzessiven Gaga-Titeln und dem sonderbaren Stolz der Halter, die zur Entstehung des Hundes meist gar nichts beigetragen haben, schon immer … absurd. Dass ich auf der DWZRV-Jahresausstellung der mediterranen Rassen selbst für ne Schachtel Pralinen mit dem Hündchen einer Freundin am Bindfaden im Dreieck gelaufen bin,

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hat daran nichts geändert – ganz im Gegenteil und jetzt sogar aus der Innenanschauung. Es erinnert mich einfach an amerikanische Kinderschönheitswettbewerbe – wobei die Kindeseltern zumindest noch Heimwerkerstolz geltend machen können 😉 )

Da sind mir dann doch unsere spanischen Jäger lieber, die weder für Titel noch Profit, sondern v.a. für den Eigenbedarf bei der Jagd und den Welpentausch untereinander züchten; denen es egal ist, ob ihre Hunde Papiere haben, ob da ein bisschen Rauhaar im Glatthaar steckt, der Brustkorb für den Standard ein wenig zu tief ist oder die Augen zu grün  – Hauptsache, sie jagen gut und gerne, sind gesund und vom Wesen so, wie Teamjäger sein müssen. Auf diese Weise hat die Rasse überlebt, lange bevor es überhaupt einen festgeschriebenen Rassestandard gab.

Reif fürs Museum?

Solange die Ibicencos also in Spanien noch jagen dürfen und die Jäger ihnen nicht selbst das Gnadenbrot geben, werde ich einige davon gerne bei mir zuhause aufnehmen, mich an diesen wunderbaren Tieren erfreuen und sie so gut wie möglich ersatzbefriedigen.  Für mich soll aber ganz sicher niemand einen Ibicenco als „erhaltenswertes Kulturgut“ züchten, damit ich ihn hierzulande einem Flatterband nachlaufen lassen kann. Menschgemachtes, das nicht mehr gebraucht wird, gehört ins Museum und nicht in die Produktion!  Statt einer Hunderasse würde ich dann wohl lieber Nashörner retten. Damit hätte ich auf Mallorca auch endlich weniger Arbeit … 😉

 

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6 Gedanken zu “Facebook sei Dank: Von der seltsamen Karriere einer exotischen Rasse und ihrer Halter

  1. Ein Beitag, der meine 100%ige Zustimmung findet.
    Sehr elegant formuliert und auf den Punkt gebracht.
    LG Gerd Huppertz

  2. Ich kann dem nur zustimmen. Ich habe vor einem Jahr einen Galgo selber aus Spanien abgeholt. Ob er rasserein ist oder nicht das weiss ich nicht und es interessiert mich auch nicht. Dass er Epileptiker ist wusste ich von Anfang an und gerade darum habe ich ihn geholt. Er ist ca. 8Jahre alt und er soll bei mir noch viele schöne Jahre verbringen

    können. Dass er jeden Tag seine Medis erhalten muss und dass wir halt regelmässig zum Tierarzt müssen zur Kontrolle das ist er mir wert. Er ist ein wunderbarer Hund und ich würde jederzeit wieder so ein Tier zu mir holen. Hundeausstellungen, Rennen etc. Ich bin total dagegen. Züchten bis zum geht nicht mehr, ist abnormal. Ich liebe meinen Hund so wie er ist, ich bin auch nicht perfekt.

  3. Eine sehr einseitige Sicht der Dinge.
    Samstags auf der Windhundzuchtschau (mediterrane Jahresausstellung) als Doghandler agieren und am nächsten Tag zu „Cita – Sommerfest mediterraner Hunde“ (Tierschutzveranstaltung) verhindert 🙂 …..

  4. Es gibt nichts, was ich so wenig verstehe, wie Zucht. Mit Tieren kann mans ja machen. Formen, selektieren, auf bestimmte Eigenschaften hin verändern. Und dann mit fadenscheinigen Ausreden begründen. „Der Mensch braucht“. Nein, braucht er nicht. Der Mensch kann! Zucht ist speziesismus par excellence.

  5. Pingback: Heute schon sprachlos gewesen? | Welcome to Podifee's Blog.

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