Gedanken zu Mittelmeerkrankheiten

Hunde-Interessenten möchten oft, dass ihr Hund aus Mallorca auf alle Mittelmeerkrankheiten (MMK) getestet ist. Und egal, ob er es ist, oft empfehlen deutsche Tierärzte den Neu-Haltern eines Südhundes einen Mittelmeertest gleich beim ersten Besuch, spätestens aber beim leisesten Krankheitssymptom  – auch wenn es gar nicht wirklich zu irgendeiner der unter dem Begriff zusammengefassten parasitären Erkrankungen passt.

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Ich kann verstehen, dass Hundehalter – wenn sie schon einem Hund aus einem ganz anderen Umfeld, der womöglich viel mehr Eingewöhnungszeit braucht als ein „deutscher“ Second-Hand-Hund, eine Chance geben – dann wenigstens ein gesundes Tier erwarten.  Aber eine Gesundheitsgarantie kann es nicht geben. Und insbesondere der MMK-Test ist keine!  Ein positiver sowieso nicht, ein negativer aber auch nicht. Ich jedenfalls habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu diesen Tests; und persönlich lege ich überhaupt keinen Wert mehr auf solche „profilaktischen“ Tests für meine eigenen Hunde – nur wenn Symptome in diese Richtung weisen, lasse ich meine Hunde sofort testen. Bisher übrigens immer ohne positiven Fund.

Nehmen wir die Leishmaniose (LM) – die größte MMK-Gefahr auf Mallorca. Fast jeder Hund, der auf der Insel mal eine Nacht draußen geschlafen hat, trägt Leishmanien in sich. Sehr selten haben wir aber wirklich mal einen Fall aktiver, behandlungsbedürftiger Leishmaniose; bei über 200 Ibicencos in den vergangenen Jahren sogar nicht einen einzigen. Die Vermutung liegt nahe, dass das Immunsystem gerade der einheimischen Rassen mit den Leishmanien besonders gut klarkommt. Nichtsdestotrotz – selbst wenn der LM-Test negativ war: Auch nach Jahren kann, bei geschwächtem Allgemeinzustand des Hundes, die Krankheit dennoch ausbrechen. Ein negativer Test bei Adoption wiegt die Familien also in falscher Sicherheit – er ist immer nur eine Momentaufnahme! Andererseits hatten wir schon etliche positive Tests z.B. auf Ehrlichiose – die Aufregung ist immer groß, aber bisher gab es nicht einen einzigen Fall, den auch die MMK-Experten hierzulande als tatsächlich behandlungsbedürftig eingestuft hätten. In der Regel waren erhöhte Titer nur Ergebnis einer womöglich alten, überstandenen Infektion.

Und selbst wenn ein Hund an einer MMK erkrankt ist – eine Therapie (für alles außer LM meist mit Doxycyclin, einem Antibiotikum) ist für all diese Krankheiten in aller Regel möglich, erfolgreich und begrenzt aufwändig. Auch die Ansteckungsgefahr von Tier auf Tier oder gar Mensch ist nicht per Tröpfcheninfektion, sondern v.a. übers Blut möglich und deshalb bei weitem nicht so groß wie die Experten es theoretisch für möglich halten (die leben ja immer auch ein wenig von der Angstwirkung ihres Forschungsgebiets). Ich will nichts beschönigen. Aber wenn die MMKs wirklich so bedrohlich wären, dann gäbe es in Spanien womöglich keine Hunde und vielleicht auch keine Menschen mehr, oder es würde zumindest vor Reisen in den Süden z.B. mit kleinen Kindern gewarnt. Am Ende des Tages sind doch auch Parasiten am Überleben ihres Wirts interessiert.

Grob sagt man: Auf den Balearen gibt es keine Filarien (und wir hatten bislang in der Tat kaum Berührung damit), auf den Kanaren keine LM, und in Deutschland keine Mittelmeerkrankheiten. Aber so einfach ist es natürlich schon lange nicht (mehr) – nicht nur zwischen Kanaren und Balearen, auch hier in Deutschland gibt es schon eine Weile autochthone Fälle von LM oder Filarien bei Mensch und Hund (sprich bei Menschen/Hunden, die das Land nie verlassen haben, die Infektion also hier erworben haben müssen). Die Grenzen sind offen, das Klima wandelt sich und wird günstiger für die Überträger, und der Reiseverkehr – nicht nur von Tierschutzhunden, sondern gerade auch von Menschen und Menschen mit Hund – wächst und wächst …

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Ab welchem Vorkommen einer Krankheit in einer Region darf man von einer Tierschutzorganisation nun einen spezifischen Test erwarten? Und was soll entscheidend dafür sein, dass man einen Hund nicht ausreisen lässt?

  • Wenn ein Hund ein akutes/direktes Infektionsrisiko für andere darstellt, also über Kot/Speichel etc., lautet  die Antwort sicher „nicht ausreisefähig“, ein solcher Hund gehört in Quarantäne, aber das ist bei MMK nicht der Fall.
  • Dass der Hund selbst lebensbedrohlich „krank“ an einer MMK ist? Im akuten Fall ist eine Reise schon aus anderen Gründen nicht angesagt. Aber in vielen Fällen folgt der Infektion ja nicht mal die Erkrankung, weil das Immunsystem selbst damit klar kommt.
  • Was ist mit dem mittelbaren Risiko, dass ein evtl. infiziertes Tier dazu beitragen kann, eine Infektionskrankheit anderswo heimisch zu machen? Dies kann nur geschehen, wenn auch die Rahmenbedingungen für die Überträger (Zecken/Mücken) immer besser werden, und das ist in vielen Fällen ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Tierschutzhunde sind da im Vergleich mit dem übrigen menschlichen und tierischen Reiseverkehr wohl nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein.

Überhaupt ist eine solche Argumentation sehr einseitig. Babesiose z.B. ist in Deutschland ein echtes Thema geworden, weil sich die Auwaldzecke rasend ausbreitet; ebenso die Anaplasmose – das Risiko ist deutlich größer als eine Infektion mit denselben Krankheiten auf Mallorca, obwohl gerade Babesiose und Anaplasmose gerne als MMK „verkauft“ werden!  Wird aber irgendein deutscher Vermittlungshund aus dem Tierheim oder vom Züchter je darauf oder auf Borreliose getestet? Oder gar bei Einreise ins Ausland? Wohl kaum. Wo ist der Unterschied?

Welche Voruntersuchungen kann man realistisch erwarten bei einem Second-Hand-Tier, das nicht mehr als 300 Euro kosten darf, sonst „kauft“ es keiner mehr, für diesen Preis aber kastriert, geimpft, gechipt und auf alles Erdenkliche getestet und womöglich behandelt (und nach Deutschland transportiert, was allein über 100 Euro kostet) worden sein soll?  Der Sinn eines profilaktischen MMK-Tests ist wie gesagt zweifelhaft, aber er verschlingt viel Geld. Andererseits zeigt ein großer, älterer Hund statt einer MMK vielleicht nach einer Weile  – weil er z.B. nun viel mehr Bewegung hat – Anzeichen von Knochenproblemen. Vielleicht hätte der Adoptand das auch gerne vorher gewusst? Alles ist aber nicht leistbar … mal abgesehen davon, dass es bei Lebewesen nun mal keine Garantien geben kann, weder für Verhalten noch Gesundheit. (Wie Manfred Lütz sagen würde: Wer gesund ist, hat bloß nicht lange genug gesucht ;-))

Es ist ein schwieriges Feld, in dem wir uns bewegen, und richtig und falsch oder verantwortlich und unverantwortlich liegen im Auge des Betrachters. Wir von „Hunde aus Mallorca“ haben uns jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen dazu entschieden, standardmäßig nur auf Leishmaniose zu testen (es sei denn natürlich, es gibt konkrete Verdachtsmomente), weil die übrigen MMK auf der Insel viel zu selten vorkommen, als dass dies die Kosten des Tests rechtfertigen würde. Das eingesparte Geld investieren wir lieber in andere, naheliegendere Untersuchungen und ggf. Behandlungen.

www.hunde-aus-mallorca.de

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3 Gedanken zu “Gedanken zu Mittelmeerkrankheiten

  1. Ich habe meinen Hund vor 3 1/2 Jahren vom spanischen Festland – er war Anapasmose-positiv, wurde hier mit Doxy behandelt und ist seitdem „clean“. Sogar der Titer ist wieder im Normbereich. Alles halb so wild….

  2. Pingback: Kommt ein Hündchen geflogen: FAQ. | Welcome to Podifee's Blog.

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