Keine Angst vorm Angsthund

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Das ist der  PINGUI.  PINGUI ist ein Podenco Maneto, also quasi der Dackel unter den Podencos. Als er ziemlich genau 4 Jahre alt war, hatte sein Herrchen – vermutlich ein Hobby-Jäger, wie bei so gut wie allen Podencos -, keine Verwendung mehr für ihn und gab ihn in einer  mallorquinischen Canera, einer sogenannten Tötungsstation ab. Bis dahin hatte er den kleinen Hund immerhin scheckheftgepflegt: Pünktlich jedes Jahr im August ließ er ihn impfen, so ist es sauber dokumentiert in seinem EU-Heimtierausweis, den der Mann mit ihm zusammen abgab. Einen Chip hatte er also außerdem. Das ist außergewöhnlich, auch heute noch, denn all das kostet Geld – nicht zuletzt auch die Abgabe in der Canera. Deswegen werden bis heute die meisten Tiere als vermeintliche Fundtiere eingeliefert.

Auch den Namen PINGUI hatte der Mann ihm gegeben und im Pass notiert  – und selten habe ich einen so schönen und passend ausgewählten Hundenamen für einen Podenco gehört: Meist heißen sie ja doch recht einfallslos BLANCA/O, wenn sie weiß; CANELA/O, wenn rotbraun; oder MANCHITA/O, wenn sie gefleckt sind; oder ähnlich Naheliegendes.  Jedenfalls passte der Name PINGUI perfekt zu dem kleinen Hund mit dem – wegen seines Überbisses – überlangen „Schnabel“ und dem lustigen Watschelgang.

PINGUI war also kein Straßenhund. Genau wie die allermeisten Hunde, die im spanischen Tierschutz landen, hatte er die meiste Zeit ein Zuhause und eine Bezugsperson und lief nicht (lange) herrenlos auf der Straße herum. Gerade auf der Touristeninsel Mallorca ist man nämlich ganz fix dabei, Streuner einzusammeln.

Und so wartete er nun, im Sommer 2015, in der überfüllten Canera auf das, was das Schicksal für ihn bereit halten würde. Er hatte Glück:  Das war nämlich ich! 😉 Ich hatte ihn  auf der Website der Canera entdeckt, und meine Kolleginnen von Hunde aus Mallorca holten ihn für mich heraus und brachten ihn in unser Refugio auf der Insel. PINGUI konnte sein Glück allerdings nicht wirklich fassen: Er hatte einfach nur Angst, vor den Menschen und vor allem anderen Neuen, das ihn umgab. Er verkroch sich tief in seine Hütte und kam freiwillig nicht heraus. Wochenlang.

Was war nur los mit dem kleinen Mann; vermutlich war er doch nie misshandelt worden?! Viel wahrscheinlicher ist, dass er die meiste Zeit seines Lebens und insbesondere die prägendsten Wochen und Monate irgendwo auf einem entlegenen Grundstück verbracht hat, ohne außer anderen Hunden und seinem Herrchen viel kennenzulernen – wie so viele Jagdhunde in Spanien. Und all das versäumte Fremde machte ihm nun große Angst.

Wohin mit dem Angsthund?

Wohin mit den Angsthunden? Vor dieser Frage stehen gerade Auslandstierschutzorganisationen fast jeden Tag:  Im Tierheim machen solche Tiere nur sehr langsam Fortschritte, lehrt die Erfahrung, weil sie dort allem, was Angst macht,  recht gut ausweichen können, und die Zeit der Betreuer meist nicht ausreicht, um sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen.

Vermittelbar sind sie so aber nur schwer, auch im tierschutzverrückten Deutschland. Denn die meisten Menschen haben – selbst wenn sie passende Lebensumstände bieten könnten – keine Lust auf einen Hund, der nicht  Plug & Play ist.  Oft haben sie sogar Angst vor ängstlichen Hunden, weil ihre Entwicklung so schwer kalkulierbar ist. Weil sie im Alltag einschränken. Weil sie uns Menschen leicht an unsere Grenzen bringen und viel mehr Geduld, Sorgfalt und vielleicht auch Sachverstand im Umgang erfordern als ein gut sozialisierter Hund, bis sie irgendwann mal, in nicht absehbarer Zeit, ein fast normales und glückliches Hundeleben an Menschenseite führen können.

Auslandstierschützer werden außerdem oft dafür kritisiert, Angsthunde ins Land zu bringen, die in einem womöglich städtisch-reizüberfluteten Umfeld restlos überfordert wären und zumindest anfangs wahrscheinlich jede Fluchtmöglichkeit nutzen würden. In der Tat, schon zu viele haben in der Vergangenheit solche Chancen ergriffen und (vermeidbar) mit dem Leben bezahlt.

Aber was ist die Alternative? Ich sehe keine zur Vermittlung in verantwortungsvolle Hände. Und deshalb möchte ich hier ein wenig die Werbetrommel rühren für diese vorsichtigen, sensiblen Seelen, für die ich selbst eine ganz besondere Vorliebe entwickelt habe. Mit meinen großen und kleinen ehemaligen Schissern verbindet mich ein ganz besonders enges Band!

Große Angst, enge Bindung

So zog der Überraschungs-PINGUI also irgendwann bei mir ein. In den ersten Wochen zog er sich meist unter mein Sideboard zurück, wie Jahre zuvor schon meine kleine SCHNAGGI, deren Platz er mal einnehmen sollte. Seine weitere Entwicklung war eher erratisch: Auf Spaziergängen stellte ich fest, dass er mir nicht von der Seite wich und keinen Jagdtrieb zeigte, sodass er bald frei laufen durfte. Im Gegensatz dazu brauchte es schwer erklärliche zwei Jahre, bis ich ihn im eigenen Garten anfassen durfte. Drei, bis er wieder ins Haus kam, ohne dass ich völlig aus dem Blickfeld verschwunden sein musste. Mindestens ein Jahr lang musste ich immer ein bis zwei Stunden vorausplanen, wenn ich das Haus verlassen wollte, damit er dann auch im Haus war. Und meine Hundesitterin hat es sich in der allerersten Begegnung mit ihm verdorben, sodass er sie auch fünf Jahre später noch meidet wie Podencos sonst nur den Regen. Ganz schön anstrengend, keine Frage.

Aber dafür waren auch die Glücksmomente bei jedem spürbaren Fortschritt unfassbar schön! Ich weiß noch, dass ich geweint habe vor Freude, als er nach ca. zwei Jahren zum ersten Mal zu mir aufs Sofa sprang und sich einige Sekunden lang an mich kuschelte. Und die Entwicklung hört niemals auf: Auch mit seinen nun 11 Jahren macht er immer noch Vertrauensfortschritte.

Jedenfalls ist der PINGUI heute ein sehr glücklicher, fast normaler kleiner Hund, der beim Spaziergang auch fremde (Hunde-)menschen freudig begrüßt. Er hängt an mir mehr als jeder andere meiner Hunde und ist gerade deshalb mein zuverlässigster Freiläufer, der sich wunderbar auch von der Fährte und aus dem Mauseloch abrufen lässt. Und wenn er übers ganze Gesicht lacht und sich lautstark und auf zwei Beinen stehend freut, dann geht mir das Herz auf. Und es erfüllt mich auch ein klein wenig mit Stolz, dass er ausgerechnet mit meiner Hilfe seine Ängste überwunden hat.

Vorübergehend behindert

Ich bin davon überzeugt: Mit dem bewährten Dreiklang aus Liebe, Geduld und Konsequenz, ein wenig Hundeerfahrung und Sachverstand, wohl dosierter Habituierung – also der langsamen, aber steten Gewöhnung an neue Reize – und am besten mindestens einem anderen sicheren Hund im Haushalt finden die allermeisten, „normalgestörten“ Angsthunde wieder in ein freudvolles Hundeleben. Letztlich ist die Angst eines Hundes auch nur eine Behinderung – aber eben eine, die (weitgehend) heilbar ist!

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