Der Hund ist weg!

Es gibt nur einen Satz, vor dem Auslandstierschützer mehr Angst haben als vor einem „Der Hund muss weg!“ Nämlich: „Der Hund ist weg.“

Die akute Sorge des verantwortlichen Tierschutzvereins gilt dann natürlich dem Hund, und der Aufwand ihn zu sichern, idealerweise lebend, ist unter Umständen gewaltig. So zuletzt geschehen bei unserem Podenco-Mix AMIR, dessen 17-tägige Odyssee zum Glück für alle Beteiligten glimpflich ausging. Und Glück hatten – und brauchten – wir viel, neben aller Anstrengung und Erfahrung der zahlreichen Helfer.

Jeder entlaufene Importhund tritt aber immer auch eine neue Debatte über die Sinnhaftigkeit und Verantwortbarkeit des Auslandstierschutzes los. Als im Ausland aktiver Tierschutzverein sind wir von ‚Hunde aus Mallorca‘ auf Direktvermittlungen nach und vor allem auf Pflegestellen in Deutschland angewiesen. Pflegestellen sind wesentliche Säulen unserer Arbeit. Ohne sie könnten wir nur einen Bruchteil der Hunde aufnehmen. Zum einen, weil der Platz im Tierheim sehr begrenzt ist; zum anderen, weil Hunde auf Pflegestellen viel schneller ein passendes neues Zuhause finden. Dort erlernen sie schon einmal die Basics des Zusammenlebens in der Familie und im Haus, das sie oft so nicht kannten; Interessenten können sie außerdem leichter und besser kennenlernen, sowohl virtuell in einem detaillierten Tagebuch als auch persönlich. In den allermeisten Fällen funktioniert die Gewöhnung der Hunde an das neue Umfeld und das Vermitteln in passende Hände auf diese Weise problemlos. Eine Alternative gibt es dazu unseres Erachtens ohnehin nicht.

Kritisch bleiben die ersten Tage nach der Einreise. Es ist eben nicht prognostizierbar, gleich wie gut man den Hund im Tierheim kennengelernt hat und wie sicher er sich dort zeigte, wie er auf für ihn völlig neue Kontaktpersonen, Reize und Situationen reagieren wird. Jede End- und Pflegestelle instruieren wir deshalb immer sehr gewissenhaft, wie man einen Hund richtig sichert, und versuchen, sie bestmöglich auf alle Eventualitäten vorzubereiten.

Denn Entlaufen ist vermeidbar. Damit ein Hund weglaufen kann, muss ein Mensch ein Risiko unterschätzt und falsch entschieden haben – immer! Wenn der Hund im Freilauf abhaut, war die Entscheidung zum Ableinen falsch. Wenn der Hund in Panik die Leine durchbeißt, hätte es eine zweite Leine gebraucht. Wenn der Hund aus dem Garten entwischt, hätte man sich nicht auf den 1,80m hohen Zaun verlassen dürfen. Aber Fehleinschätzungen sind nun mal menschlich; und um sie zu minimieren, braucht es viel Erfahrung. Deshalb passiert es trotz allem immer mal wieder.

So eben bei AMIR, einem 2016 von der Straße gefischten Podenco-Mix von Ibiza, der nach 5 Jahren in zwei verschiedenen Tierheimen auf Mallorca endlich seine Chance auf ein neues Leben bekommen sollte. Mitte März – keine Stunde nach seiner Ankunft im neuen Zuhause auf Zeit, ca. 20 km nordöstlich von Saarbrücken – entwischte er durch die Haustür. AMIR hatte noch in seiner  – offenen – Flugbox im Flur gelegen, als es an der Tür klingelte; der Hund regte sich nicht, und der Pflegevater war im Glauben, dass er den kleinen Spalt der Haustür, den er öffnete, im Ernstfall erfolgreich verstellen könnte. Ihr ahnt, was dann passierte.

AMIR blieb zunächst in der Nähe, kam aber nicht freiwillig „nach Hause“, das er ja quasi nicht kannte. Das Team von ‚Hunde aus Mallorca‘ –  durchaus erfahren mit der Suche nach verlorenen Hunden – wusste im Grunde, was zu tun war, brauchte dazu jedoch zuverlässige und kompetente Helfer vor Ort. Und wir fanden sie! Sichtungen gab es in der Folge viele, aber leider auch eigenmächtige Verfolgungen und Einfangversuche übermotivierter Menschen, die AMIR so unabsichtlich weitertrieben. Vielfach kreuzte AMIR in den Morgen- und Abendstunden eine Autobahn, wurde dabei nur mit Glück nicht überfahren und nur dank kooperativer Behörden nicht abgeschossen. Anfütterungsversuche scheiterten, dazu war er zu sehr auf der Hut. Irgendwann trieb es ihn weiter nach Osten, in die Pfalz, und im Anschluss wieder retour, weit nach Westen, bis über die französische Grenze.  Hunderte Kilometer muss er zurückgelegt haben, bis er nach ca. 12 Tagen mit einer starken Verletzung des linken Vorderlaufs gesichtet wurde. Vielleicht unser – und AMIRs – Glück.

Findige Helfer konnten den verletzten Hund in einem Waldgebiet ca. 10 km südwestlich vom Ort des Entlaufens ausmachen – und, wichtiger noch, auch dort halten! Passanten wurden weitestgehend ferngehalten, Futter- und Geruchsschleppen gelegt, u.a. mit dem vertrauten Geruch seiner jahrelangen Weggefährten von Mallorca.  Da AMIR Futterstellen und Kastenfallen bis dahin gemieden hatte, war parallel bereits der Beschluss gefasst und vorbereitet worden, ihn mit einem Narkosepfeil zu sichern. Im 2. Anlauf –  ausgerechnet am 1. April – gelang dies.

AMIR lief nach dem Schuss noch drei Kilometer weit, seine Retter hatten ihn dabei aber immer im Blick und brachten ihn schließlich direkt in eine Tierklinik, die seine schwer zertrümmerte Pfote zum Glück retten konnte.

Inzwischen ist AMIR auf einer unserer bewährtesten Pflegestellen angekommen, die ihn liebevoll pflegt, weiterhin jeden 3. Tag den Verbandswechsel sicherstellt und garantiert keinerlei Risiko eingeht, bis AMIR eines Tages sein eigenes Zuhause findet und endgültig ankommen darf.

Ende gut, alles gut?

Ja. Und nein. Wir hätten AMIR und uns diesen Stresstest natürlich lieber erspart. Die Kosten ebenfalls: Obwohl sich die allermeisten Helfer ehrenamtlich bzw. zu geringsten Kosten für ihn eingesetzt haben, stehen bis dato rund 5.500 Euro zu Buche, vor allem für die Operation und Wundpflege; und das ist noch nicht das Ende. Wichtiger aber für uns ist die Erkenntnis, dass wir künftig noch restriktiver sein werden in der Auswahl unserer Pflegestellen gerade für Hunde, die noch nie in einem Haushalt gelebt haben – selbst wenn dies die Wartezeiten der Hunde verlängert. Sicherheit und Gesundheit des Hundes – und unsere Nerven – gehen vor.

+++ HAPPY END +++

P.S. Unser ganz besonderer Dank für ihren immensen Beitrag zu AMIRs Rettung gilt:

  • allen anderen voran Petra und Yolande von „Vermisste Tiere im Saarland“ für ihren unermüdlichen Einsatz bei Amtsgängen, beim Aufhängen von Flyern, Sammeln und Nachverfolgen von Sichtungen, Einrichten von Futterstellen, Koordinieren von Einsätzen uvm.
  • Roger und Barbara für ihre Sucheinsätze, Tag und Nacht
  • Jörg vom „Tiernotruf Saarland“ für die Unterstützung bei Sichtungen und die Koordination mit der Polizei
  • Kai vom „Tierschutzverein Kindsbach“ für seine Unterstützung in der Pfalz
  • dem Zootierarzt des Zoologischen Gartens in Neunkirchen, der zum Schießen der Narkose stets zur Verfügung stand
  • Andreas mit seinem Suchhund von der Hundeschule „Stadt Land Hund Saar“  bzw. „Tierhilfe Saarland“, der AMIRs Sicherung erst ermöglichte und ihn am Ende sogar noch unserer Kerstin als neuer Pflegestelle in Norddeutschland entgegen fuhr
  •  Jana von der „Tierhilfe Saarland“, die Andreas bei der Sicherung unterstützte, AMIR in die Klinik fuhr und gut drei Wochen lang aufopferungsvoll pflegte
  • Nils für 1.200 km Autofahrt, um AMIR von Süd- nach Norddeutschland zu bringen
  • der „Tierhilfe Mallorca“ für ihre finanzielle Unterstützung
  • und dem Veterinäramt Saarbrücken und der Bundespolizei für ihre große Kooperationsbereitschaft und  Menschlichkeit.

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