Freilauf revisited

Ein Podenco, der sein Leben lang nur an der Leine laufen darf, wird zwar zufrieden auf dem Sofa schlafen und kuscheln, aber er ist nur ein halber Podenco. Glücklich macht ihn erst das freie Durchstreifen der Natur … 

Wenige Themen – außer natürlich Ernährung oder Flexileinen 😎 – erzeugen so viel Zwist unter Podencohaltern wie der Freilauf. Täglich – insbesondere nachdem wieder mal ein Windhund entlaufen ist – streiten sich in den einschlägigen Interessengruppen auf Facebook die Niemals-Ableiner mit den Gesinnungs-Ableinern bis zum Entfreunden 😉 über Verantwortungsbewusstsein auf der einen und artgerechte Haltung auf der anderen Seite… einig werden sie sich wohl niemals, daran werde auch ich nichts ändern. Aber vielleicht kann ich einen kleinen Anstoß geben zu einer differenzierteren Betrachtung … ?

Geht es uns bei der Leinenlosigkeit eigentlich darum, den Hund glücklich zu machen oder den Menschen? Geht es uns nur um das freie Bewegen des Hundes ohne Leine (aber eng kontrolliert) oder auch um die Freiheit in seinen Entscheidungen – etwas, worauf der Podenco ja mal gezüchtet wurde? Dem Podenco ist nämlich etwas ganz anderes viel wichtiger als das ungezügelte Laufen, behaupte ich!

Freilauf ist kein Selbstzweck

Natürlich muss so ein lauffreudiger Hund mal die langen Beine strecken und sich richtig auspowern können. Aber für einen normal triebigen Podenco  – insbesondere, wenn er nicht mehr ganz so jung und verspielt ist und schon aus schierem Übermut und überschüssiger Energie rennen und toben will  – ist der Freilauf kein Selbstzweck. Mit jedem Schritt, jedem Atemzug ist er draußen auf der Jagd, und  wenn kein Wild da ist, behaupte ich, ist das leinenlose Durchstreifen von Feld, Wald und Flur für ihn gleichermaßen langweilig, ob nun mit oder ohne Zaun drumherum. Solche „Langeweile“ kann der Mensch natürlich prima für sich nutzen, um die Aufmerksamkeit seines Hundes auf sich zu fixieren, mit ihm zu spielen und zu arbeiten, und es ist sicher die beste Gelegenheit, ihn – nach solidem Rückruftraining – auch mal ohne Zaun offline laufen zu lassen. Das kann prima funktionieren. Mit einem einzelnen Podenco. Unter ständiger Beschäftigung, womöglich Futterzufuhr und engmaschiger Kontrolle, damit er nie den 15-bis-20m-Radius verlässt, hinter dem der Einfluss schnell futsch ist, denn er glaubt ja doch nie so ganz, dass da wirklich nix Jagbares ist 😉 Oder es funktioniert eine ganze Zeit ganz prima, aber an einem Tag ist nur eine Winzigkeit anders, die wir nicht wahrnehmen, oder wir sind eine Millisekunde unaufmerksam – und er lässt uns gnadenlos stehen. Und ist er erst mal im Jagdmodus, entscheidet nur noch er, wann er zurückkommt.

Mit zunehmender Wildpräsenz wird’s natürlich nicht besser.  Für einen Podenco bleibt es gleichermaßen unbefriedigend, behaupte ich, dem Reiz nicht nachgehen zu dürfen, ob ihn nun eine Leine davon abhält, hart erarbeitete Impulskontrolle oder Muttis intensive Futterbeutelbespaßung. Frust aushalten heißt ja nicht, dass er nicht da ist. Und selbst wenn man es schaffen sollte, ihn so zu „dressieren“ — Verzeihung, „erziehen“ 🙄 —,  dass er sich zuverlässig sogar von flüchtendem Wild abrufen lässt oder sogar vorher „fragt“, ob er hinterher darf: Ist er dann wirklich noch ein ganzer Podenco im Sinne des obigen Zitats, der „aus freien Stücken“ lieber bei seinem Menschen bleibt statt seinem ursprünglichsten Trieb nachzugehen – und dabei auch noch glücklicher als der, der bei Wildsichtung kreischend in der Leine hängt ❓ Immerhin darf Letzterer seine Jagdlust noch herausschreien, das kann ja auch befreien 😎

Manche Hundetrainer hierzulande gehen sogar so weit, dem Podenco auch das Buddeln nach Mäusen zu verwehren – zweifellos eine der größten Freuden im Leben eines Podencos in Deutschland -, weil es ebenso selbstbelohnend und schwer kontrollierbar wie das Stöbern und Hetzen ist, und für Belohnung und Spaß und Entscheidungen ist in diesem Konzept nur der Mensch zuständig. Ihr erahnt meine Meinung dazu. Selbst, wenn es möglich sein sollte: Ich möchte aus dem Podenco nichts anderes machen, als er ist, schon gar nicht um jeden Preis einen auch für deutsche Ballungsgebiete tauglichen, zuverlässigen Freilauf-Robopod, der irgendwann glaubt, er wurde fürs Geräteturnen geboren 😎 . Wer das anstrebt, sollte vielleicht lieber über eine für diesen Anspruch geeignetere Rasse nachdenken. 

Glücklich, aber wie?

Podencos hängen wie jeder Hund an ihrem Menschen, und sie sind Team-Player, keine Frage, gerade auf der Jagd und mit ihren Artgenossen, aber durchaus auch mit ihrem „Jäger“ – nur eben auf Podenco-Art, mit viel Freiraum 😉 . Sicher arbeiten viele von ihnen auch gern mal „artfremd“mit ihrem Menschen zusammen. Sie sind ja nicht blöd, und für gebratene Hühnerherzen o. Ä. tun sie fast alles. Zumindest für eine Weile. Und solange sich nix Spannenderes bietet 😎   Sonst passiert es halt auch mal, dass ein Podenco mitten im Agility-Parcours abbiegt und lieber am Zaun nach Mäusen patrouilliert oder gleich drüber geht, weil dahinter ein Hase winkt.

Eher als nach dem unbedingten Freilauf und der 100%igen Kontrollierbarkeit  des Podencos stellt sich für mich  daher die Frage:  
Wie ermögliche ich ihm den Jagderfolg, den er sucht und der ihn stets und ständig antreibt?

Verantwortungsvolle Podencohalter in Deutschland versuchen so sicher wie möglich zu verhindern, dass ihre Hunde wilde oder andere Tiere hetzen. Und je länger man Podencos hierzulande hält und damit fast zwangsläufig nervenaufreibende Erfahrungen mit dem Freilauf gemacht hat, gleich wie viel und was sie trainiert haben  – so erlebe ich es bei mir selbst und vielen langjährigen Podencomenschen in meinem dicht besiedelten, wildreichen Umfeld -, desto restriktiver wird man fast unweigerlich, zum Schutz des eigenen Hundes und aller anderen Tiere und nicht zuletzt Menschen.  Bei mir sind es eigentlich nur noch die Alten (die nicht mehr so schnell durchstarten), Kleinen (die nicht so viel mitbekommen) oder ehemaligen Schisser (die mich nie aus den Augen lassen), die zu bestimmten Tageszeiten (fern der Dämmerung) an bestimmten Orten (fern von Wild, Straßen und Bahnlinien) bei bestimmten Wetterlagen (nicht bei starkem Wind) komplett ohne Leine laufen dürfen; alle anderen immer nur für kurze Renn und Spieleinlagen, und sicher auch nicht alle gleichzeitig. Wir wohnen hier halt nicht im Campo oder auf der Schwäbischen Alb mit endlos überschaubaren Weiten. In unseren Breitengraden ist es einfach angeraten, den Jagdtrieb in seine Bestandteile zu zerlegen und „ersatzzubefriedigen“ – z.B. mit Nasenarbeit oder eben mit Mäusebuddeln als Ersatz fürs Stöbern;  auf der wildfreien (vermutlich eingezäunten) Hundewiese für das ungebremste Rennen und (Jagd-)Spiel in der eingespielten Gruppe; und auf der Rennbahn oder beim Coursing als Ersatz fürs Hetzen. Selten hab ich meine Hunde zufriedener gesehen als nach erfolgreicher Hatz nach dem falschen Hasen ❤

Ein prinzipieller Freilauf womöglich mehrerer triebiger und fitter Podencos in Wild- und Zivilisationsnähe hat – gleich, wie gut erzogen die Hunde sind – aus meiner Sicht nichts mit gesundem Hundeverstand und Verantwortungsgefühl zu tun. Nicht mal viel mit Artgerechtigkeit … tote Tiere können nämlich nicht mehr glücklich sein. 

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Ein Gedanke zu “Freilauf revisited

  1. Bin ich sooo einverstanden. Ich habe seit bald 10 Jahren Podencos. Beim 1. war ich recht blauäugig😬 bis er mit der 1. Katze zurück kam. Leider hat sie es nicht überlebt und das hat mir fast das Herz gebrochen. Ich konnte kaum glauben dass mein geliebter, so sanfter Podenco ein Katzenmörder ist. Nach diesem Vorfall durfte er frei laufen, aber nur mit Maulkorb. Das funktionierte sehr gut, bis der 2. Podi dazukam. Eine Podenga Portuges, sie stellte alles was ich bisher über Podencos gelernt hatte in Frage. Soooo unglaublich selbständig und beharrlich darin ich hatte keine Chance. Wenn sie abhauen konnte, und sie nahm jede Unachsamkeit meinerseits in sekundenschnelle wahr, war sie weg. Je nach Witterung 3-4 Stunden, laut kläffend im Wald umhergehetzend, ein richtiger Schweisshund. Nicht mehr kontrolierbar und schon gar nicht abrufbar. Sie hat halt ihr ganzes Leben Leinenzwang, mäusste mir das schweren Herzens eingestehen. Dafür dürfen sie auf der Rennbahn jagen und werden noch gelobt dafür. Sie finden das beide absolut das grösste und selbst beim coursing ist die Hündin nie ausgebüxt. Mit ihr mach ich auch mantrailing und das macht zum Glück uns beiden sehr viel Spass.
    Ich hatte sehr viel Mühe mit dem Gedanken, dass ich meine Hunde nicht offline laufen lassen kann, aber gegenwärtig sag ich immer dass ich auch nicht alles haben kann was ich möchte. Damit kann ich leben und ich denke meine Hunde sind nicht unglücklich.

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