100.000 Dollar Baby

Das ist so eine Sache mit dem Erinnern.  Nun ist mein „Kätzchen“ schon 5 Monate fort, aber es fällt mir noch immer so schwer, mich dem Schmerz zu stellen, den das Schreiben seines Nachrufs wieder weckt. Vor zwei Jahren schon begann MIELs schleichender Abschied. Ein mysteriöser, unumkehrbarer Muskelabbau war es, der allmählich seinen Körper aufzehrte, schließlich seinen Kehlkopf lähmte und mir irgendwann keine Wahl mehr ließ, als ihn zu erlösen 😥

Noch verdränge ich all die Erinnerungen lieber, kann es kaum ertragen, Fotos von ihm anzuschauen. Andererseits habe ich Angst, mit dem Verdrängen auch zu vergessen; all diese kleinen Details und Erlebnisse zu vergessen, die ihn so unersetzlich gemacht haben.

Das Vergessen beginnt ja schon lange vor dem Tod. Wenn der Hund älter und ruhiger wird, rückt es auch im eigenen Bewusstsein in immer weitere Ferne, wie er als Jungspund war, wenn er sich immer wieder über hohe Zäune, Mauern oder durch Türen und handbreitoffene Schiebedächer auf und davon machte – meist nur, um mir nachzulaufen –  und mir so zahlreiche Beinahe-Herzinfarkte bescherte. Wie viele Sofakissen, Sonnenbrillen und Nachbarskatzen auf sein Konto gingen. Wie oft er Schlüssel rumdrehte und sogar Riegelverschlüsse öffnete, um dann Knabbervorräte aus dem Keller an seine Kollegen zu verteilen – er selbst war ja eher mäkelig  – oder  gegen mein Arbeitspensum demonstrierte, indem er auf den Schreibtisch sprang und in den Drucker pinkelte 😎 Das Allerschönste an ihm ist ohnehin mit seinem Tod für immer verloren: Dieser ganz besondere, unwiederbringliche MIEL-Geruch 😥

MIEL war nach BALDUR und AXEL mein 3. Ibicenco. Als ich ihn mit fast zwei Jahren aus dem Tierheim auf Mallorca holte, hatte er noch nicht viel von der Welt gesehen, denn er war schon dort geboren worden. Bei unserem ersten Spaziergang, noch auf Mallorca, robbten seine Schwester und er bäuchlings Zentimeter für Zentimeter durchs Gras, überwältigt von all den neuen Gerüchen und Reizen, die sie aus dem Zwinger nicht kannten. Er hatte keine Angst vor Menschen, denn die hatte er ja intensiv und nur positiv kennengelernt. Überfordert von allem anderen trifft es eher.

Überfordert waren wir wohl beide anfangs.  Selbst eine Hammerdosis Vetranquil für den Flug nach Deutschland konnte es nicht mit seinem Adrenalinausstoß aufnehmen – als ich die Box am Kölner Flughafen entgegennahm, war er hellwach und zwang mich auf den 10 Kilometern vom Flughafen nach Köln-Nippes zu einem Extrastopp auf dem Standstreifen, weil er sich in einem Wahnsinnstempo durch drei Kopfstützen gefressen und über die Riesenbox auf der Rückbank hinweg auf meinen Schoß gequetscht hatte. Zuhause angekommen dauerte es dann noch sehr lange 17 Stunden, bis er sich zum ersten Mal hinlegte…   Dann jedoch wusste er instinktiv, wofür er gemacht war:  An Tag 2 lief er in die offene Wohnung meiner Nachbarin und kam zielsicher mit einem Stoffkaninchen im Maul wieder heraus 😎

Mein Sensimiel … so oft wurde ich von Fremden beschimpft, weil er so dünn war („Geben Sie dem Hund mal was zu fressen – so viele Hunde haben, aber nicht füttern!“). Für viele meiner Podenco-verliebten Bekannten war er jedoch einer der schönsten und liebenswertesten Rassevertreter – so anmutig, so sanft, so anlehnungsbedürftig und so etepetete. Wüstes Spiel mit anderen Hunden war ihm fremd, ebenso wie bellen. Niemals auch hätte er an der Leine gezogen, sich auf kalten Boden gelegt oder gar in Matsch oder Übelriechendem gewälzt! Und gefüttert habe ich ihn die allermeiste Zeit separat (und es dauerte ewig 🙄 ), weil nur ein gieriger Blick eines anderen genügte, damit er seinen Napf freigab. Einmal bot ein kleines Mädchen 100.000 Euro für ihn – ich hätte ihn dafür nicht hergegeben, selbst wenn die Eltern mitgespielt hätten…

Mit den Jahren entwickelte MIEL sich zu einem wunderbar zuverlässigen Freiläufer. Nur ein einziges Mal ließ er mich stehen –  und dafür war ich ihm fast noch dankbar: Kurz nach dem Tod meiner Mutter blies mir die Sorge um ihn nämlich erstmals den Kopf wieder frei. Nach vier verzweifelten Stunden kam er exakt an der Stelle wieder aus dem Maisfeld, an der er verschwunden war.  Was würde ich darum geben, mich noch ein einziges Mal um Dich sorgen zu dürfen, mein Kätzchen …

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