Draw the Line!

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Da bin ich wieder, wenn auch nicht mehr ganz die Alte. Zweieinhalb Jahre war ich offline. Zweieinhalb wilde, zum Teil wunderschöne, vor allem aber kraftraubende und schmerzhafte Jahre, die mich über meine Grenzen hinaus getrieben haben.

Kurz vor 50 habe ich noch einmal eine Beziehung mit einem Mann gewagt. Es hat nicht funktioniert. Und Schuld haben, zumindest vorgeblich, meine Hunde.

Den Fallstrick Hunde für eine Liebesbeziehung kannte ich ja schon, und ich dachte, ich sei dieses Mal vorbereitet.  In dem Online-Portal, in dem wir uns Anfang 2018 begegneten, hatte ich – wissend, dass es die meisten Kandidaten abschreckt – extra ein Bild mit Hund eingestellt, und klar gemacht, dass ich nicht erwarte, dass ein Mann diese Liebe teile.  Nur, dass er akzeptieren müsse, dass sie mein Hobby und meine Verantwortung sind. Er schrieb mich gerade wegen des Hundes an:

„Ich wollte mich jetzt nicht klassisch bewerben. Aber wenn du gefunden hast, was du suchst, würde ich solange den Hund nehmen.“

Bingo! Unter all den unkreativen Copy+Paste-Nachrichten, die ich schon ewig nicht mehr beantwortet hatte, war diese ein echtes Highlight, so ganz ohne romantische Verklärung, kurz und frech, persönlich, und sie ließ auch noch darauf schließen, dass er Hunde mag.

In den folgenden Wochen riss mich auch alles andere an ihm mit: Er war zufällig genau mein Typ, vor allem aber war es sein smarter, kreativer Kopf, sein Witz, seine Eloquenz, seine Sensibilität und Wahrnehmungsschärfe, die mich flashten. Es schien, als sähe mich zum ersten Mal jemand komplett in allen Facetten – und wollte mich gerade deshalb an seiner Seite. Einschließlich der ganzen Meute. Meine über viele Jahre sorgsam aufgetürmten Schutzmauern fielen einfach in sich zusammen. Ich war bis über beide Ohren verliebt, ebenso wie er.  Ein Gefühl der Verbundenheit, des Gleichklangs, wie ich es noch nie zuvor empfunden hatte. 

Zu schön, um wahr zu sein„, habe ich durchaus das ein oder andere Mal gedacht. Heute weiß ich: Was zu schön ist, um wahr zu sein, ist es vermutlich auch nicht.

Die ersten Anzeichen, dass so viel Licht auch Schatten wirft, gab es früh. Nicht ahnend, dass ich es hier mit einer veritablen Persönlichkeitsstörung zu tun haben könnte, löste dies zunächst nur Verwunderung bei mir aus. Ich dachte, so stark seine positiven Emotionen sind, so stark sind eben auch die negativen, auch wenn ich nicht verstand, wie Nichtigkeiten derart ungehaltene Reaktionen provozieren konnten.

Zum Beispiel, als wir nach ca. zwei Wochen Online-Chat zum ersten Mal telefonierten, zwischen 1 und 2 in der Nacht.  Das Gespräch war toll und dauerte lang. Dann war mein Handy-Akku leer, ich stöpselte das Ladekabel ein, und das Handy vibrierte kurz, um anzuzeigen, dass es geladen wird. Er legte sofort auf – und schrieb mir eine WhatsApp-Nachricht: Ich würde noch mit anderen Männern chatten mitten in der Nacht, das ginge gar nicht.  Was für eine seltsame Anschuldigung, im allerersten Gespräch? Oder als er kurz darauf auf einer Radtour – verärgert, dass ich ihm darüber widersprochen hatte, ob der 1. November in NRW immer schon Feiertag war – 25 km vor unserem Ziel wortlos abbog, davonrauschte und nicht mehr erreichbar war. Oder als er es nicht mehr ertrug, mit mir per WhatsApp zu kommunizieren, weil man dort sehen kann, ob jemand online ist, und er sich ausmalte, ich würde mit anderen Männern chatten und ihn verhöhnen.  Während ich mit einer Schulfreundin im Biergarten saß oder mit einem alten Kumpel mittags am Dom Pommes aß, bekam ich bösartige, völlig aus der Luft gegriffene Nachrichten, dass ich sicher gerade einen dicken Negerschwanz ficken würde oder anderes unter der Gürtellinie. Ein Gegenbeweisfoto wurde als „sicher alt“ abgetan.  Wenn ich nicht schnell genug reagierte auf eine seiner Nachrichten, ging seine Fantasie vollends mit ihm durch. Aber selbst wenn ich in Jogginghose auf dem Sofa saß und mit ihm chattete, konnte die Stimmung ohne erkennbaren Grund sekündlich umschlagen und er um sich schlagen; meist hatte er dann getrunken, nehme ich an. Ich stand unter Dauerstrom, immer bereit zu beschwichtigen, auch wenn das natürlich nicht funktionierte und er mich in viel zu vielen Nächten verzweifelt und schlaflos zurückließ. Am nächsten Morgen hatte er seine verbalen Ausfälle dann oft vergessen – wie Dr Jekyll und Mr Hyde. Manchmal erschrak er selbst über das Geschriebene, manchmal gab es eine halbherzige Entschuldigung. Eine Klärung von Bestand war jedoch nie möglich, schon weil jeder Anflug von Zurückweisung oder Kritik an ihm schnell wieder in Wut oder Flucht endete. Und diese Flucht führte ihn oft direkt wieder ins Internet, auf der Suche nach Bestätigung durch andere Frauen.

Ich hingegen konnte sein Misstrauen nie entkräften. Das fühlte sich umso absurder an, als er es war, der schon zu Anfang gar nicht frei war. Er hatte sich in seinem Online-Profil als getrennt lebend ausgegeben; das stimmte zwar räumlich, weil er zwei Jahre zuvor aus der ehelichen Wohnung ausgezogen war. Ansonsten hielt jedoch zumindest seine Frau noch an ihrer Ehe fest, und er spielte irgendwie mit. Das erfuhr ich allerdings nur, über Monate gestreckt, in schmerzhaften kleinen Dosen, wenn er mal wieder beruflich oder privat mit seiner Frau auf Reisen ging.

Erst als sie nach einem halben Jahr unserer Liaison ihre letzte Hoffnung auf eine Wiedervereinigung begrub und sich endgültig von ihm trennte, war der Weg für ihn und mich frei, ein richtiges Paar zu werden – aber da standen dann plötzlich meine Hunde.

Zuerst war es ihre Anwesenheit beim Essen. Dann ein leichtes, allergisches Kratzen im Hals. Irgendwann kam er gar nicht mehr zu mir; irgendwann waren wir nur noch bei ihm, ohne Hunde. Live sah er einen von ihnen zuletzt im November 2018. Ich organisierte eine Nachbarin als zweiten Sitter und baute eine Hundeklappe ein, damit ich entspannt bis zum Frühstück bei ihm bleiben konnte, und habe die Hunde problemlos auch für gemeinsame Reisen untergebracht.

Mit Hundegeschichten belästigt hatte ich ihn ohnehin nie. Irgendwann genügte es aber schon, wenn sich ein Hund während des Telefonierens räusperte, damit er unvermittelt auflegte. Krisen auslösen konnten auch Fotos, auf denen ein Vierbeiner zu sehen war. Und während man denken könnte, der Höhepunkt der Demütigung sei, dass er die Tiere mit Liebhabern verglich und für sich reklamierte, dass jede Nacht, die ich mit ihnen verbrachte, ihm das Recht gäbe, „über eine andere Frau zu steigen„, fand auch das noch seine Steigerung.

Als ich einen wieder mal grotesken Problem-Chat um ein zu buntes Radtrikot, mit dem ich sicher wieder nur Männer an der Ampel aufreißen wolle, freundlich aber bestimmt abbrach, um mit meiner plötzlich totkranken GILDA in die Tierklinik zu fahren, bekam ich inmitten meines Abschiedsschmerzes statt Anteilnahme die folgende Nachricht von ihm:

„Und Zack! bin ich wieder das Arschloch! Wie kann das gehen? Selbst sterbende Tiere werden noch genutzt, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen und wieder gehe ich aus diesem Tag als gefühlter Unmensch. Das bin ich nicht. Die Unmenschen seid ihr!“

An diesem Punkt hätte ich spätestens gehen müssen, das ist mir klar.  Ich halte ihn zwar noch immer nicht für einen „Bunny Boiler“; ich denke, die Hunde waren für ihn nur Stellvertreter; ein vorgeschobener Grund, um seine Bindungs- und sonstigen Ängste zu bestätigen und immer wieder Distanz zu mir schaffen zu können. Dennoch hatte er damit eine weitere Linie überschritten – ich weiß es heute, ich wusste es damals. Ich habe es nicht geschafft.  Und ich schäme mich, seinem Hass keine Grenzen gesetzt zu haben und nicht vehementer für meine Tiere eingestanden zu sein, ohne deren Trost ich diesen Wahnsinn wahrscheinlich gar nicht so lange ertragen hätte. 

Ich habe es ja nicht mal geschafft, für mich selbst einzustehen. Für meine Werte, meine Wünsche und Bedürfnisse, weil es immer nur um seine ging. Ja nicht mal für meine Wahrnehmung, der ich kaum noch traute. So wenig, dass ich ihm fast eine völlig abwegige Geschichte geglaubt hätte,  als ich ihn, an einem Dienstagmittag um Zwei im Oktober, nichtsahnend in flagranti erwischte: zwei Sektgläser links und rechts neben unserem Bett und davor ein gebrauchtes Kondom … filmreif.  Heute weiß ich, dass das natürlich nicht das einzige Mal war, und dass die Promiskuität, die er mir unterstellte, vor allem Projektion von sich auf mich war.

Ich hab mich komplett verloren in diesem manipulativen Daueralarm aus solch irrsinnigen Projektionen, Love Bombing, das Hirn vernebelnden, paradoxen Doppelbotschaften (Double Binds), Wutausbrüchen und verbaler Gewalt, Blameshifting und Gaslighting. Ich dachte, wenn ich mich nur noch ein kleines bisschen mehr verbiege;  lerne, noch mehr zu schlucken und noch besser seine vielen Trigger zu vermeiden;  kommen wir irgendwann wieder in stabilere Zustände. Ich war co-abhängig, gefangen irgendwo zwischen Helfer- und Stockholm-Syndrom. Und süchtig nach der unglaublichen Nähe, die er, der vermutliche Borderliner (mit großen narzisstischen Anteilen), immer noch vermitteln konnte, in den symbiotischen Stunden. Sie war nicht real. Real war nur der Schmerz.

Wenn ich das hier überstanden habe, werde ich nie wieder jemandem so viel Macht über mich geben, das verspreche ich. Meinen Hunden. Und vor allem mir selbst.

Lesenswert: 

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