Ach, Ernie

Seit sechs Wochen schon drücke ich mich darum herum, einen Nachruf auf ERNIE zu schreiben. Weniger, weil so ein rein privates Thema für „meine Leser“ eh von geringerem Interesse ist – das ist mir wurscht, den Nachruf schreibe ich ja vor allem für mich selbst. Aber das Wühlen in Erinnerungen tut halt sehr weh, und in diesem Fall gleich doppelt.

Sommer 2009: Ein Foto genügte, und ich hatte ERNIE (der damals aus unerfindlichen Gründen noch CHRISTEL hieß) quasi schon adoptiert. Need I say more?

Dieses zottelige kleine Ding, das irgendwo in der Nähe von Llucmajor eingesammelt worden war, war einfach unwiderstehlich süß, und so zog es ziemlich pünktlich zu meinem 40sten Geburtstag bei mir ein und führte großflächig (zumindest auf der Hundewiese) zu spontanen Milcheinschüssen und Entzückenslauten.

Im Gegensatz zu seinem Wesen. Wenn ich der Wahrheit ins Auge blicke, dann war ERNIE nicht gerade mein Herz- oder Seelenhund, sondern oft eher ein garstiger kleiner Arschlochköter. Der Futterneid war ihm in die Wurfkiste gelegt, und den drückte er dermaßen deutlich mit den Eckzähnen aus, dass jeder neue Hund schon am ersten Tag schmerzverstärkt begriff, dass alles halbwegs Appetitliche, das auf den Boden fiel, allein ERNIE gehörte. Großräumig. Und auch, als er schon lange kaum mehr Zähne hatte und sowieso nur noch wenig sah oder hörte. Mein kleiner Hackfressen-Brummkreisel: Knurren stand auf der Hitliste seiner Lautäußerungen ganz oben, gefolgt von einer Art verzweifelter „Affenlaute“, wenn er mit seinen ungelenken Holzbeinchen mal wieder irgendwo nicht rauf-, rein- oder rauskam.

Seine Unsportlichkeit von Anfang an war, vermute ich heute, wahrscheinlich nur ein Vorbote für die schlimme Arthrose, die er irgendwann im ganzen Skelett entwickelte. Und die, zusammen mit massivem Muskelschwund, am Ende sein Ende bedeuteten, mit knapp 15 Jahren.

Schon bald nach seinem Einzug stellte ich ihm die ähnlich junge ODILE an die Seite, und plangemäß bildeten sie in den ersten Jahren ein wildes Dream Team aus der Hölle.

Im Laufe der Jahre wurde ERNIE allerdings immer mehr zum Einzelgänger, der weder andere Hunde noch mich sonderlich brauchte, so fühlte es sich jedenfalls an. Noch dazu brachte er mich oft auf die Palme – oder zu Fall. Manchmal hatte ich gar den Eindruck, er liefe mir absichtlich vor die Füße, damit ich über ihn stolpere. Und dann dieses Fell, das schon Minuten nach dem Bürsten – nur gegen seinen massiven Protest, versteht sich – wieder nach völliger Verwahrlosung aussah. Und dieser Dreck! Nicht nur, dass er Wasser liebte und sich gerne wälzte – mit seinen langen Haaren und kurzen Beinen schleppte er auch Unmengen an Kletten, Sand, Dreck und Schlimmerem mit heim. Grrrr.

Ich gebe zu, es fiel mir nicht immer leicht, mich ihm nahe zu fühlen, und manchmal hatte ich deshalb – und weil ich mich deswegen vielleicht auch weniger mit ihm beschäftigt habe – ein schlechtes Gewissen. War also womöglich eher ich das Arschlochfrauchen? Kennt jemand dieses fiese Gefühl?

Erst als seine Gebrechlichkeit immer größer wurde und viel mehr meiner Aufmerksamkeit erforderte, wuchs er mir wieder tiefer ans Herz. Und so sind wir beide doch noch ziemlich harmonisch zusammen ganz schön alt geworden.

Ich bin versöhnt mit dir, mein kleiner Krauter, und hoffe sehr, du bist es auch…

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