Hanni und Nanni in Hundetherapie

Beinahe scheint es ein Naturgesetz zu sein: Gleich, welche Größe von Behältnis man wählt, man macht es immer randvoll. Mir wenigstens geht es mit fast allem so – dem Reisekoffer mit Klamotten, der Kühltruhe mit Lebensmitteln, dem Bücherregal mit Büchern, dem Auto mit Hunden, und jetzt auch meinem Haus. Zwar sorgte ein Parkettpinkelvorfall vor vielen Jahren dafür, dass Hunde keinen Zutritt mehr ins Obergeschoss haben und sich dorthin nicht auch noch ausbreiten durften; in der Folge hatte aber auch ich nicht mehr viel Lust, mich dort aufzuhalten, und so blieb die obere Etage lange quasi unbewohnt. Bis Ende Februar 2022.

Ein Hilferuf eines russisch-orthodoxen Priesters aus dem Kölner Norden; zwei, drei WhatsApp-Nachrichten später; und schon hatte ich eine Sturzgeburt, mit Zwillingen. Die beiden Mädchen, 24 Jahre alt und aus Kiew, waren von ihren Eltern umgehend nach Ausbruch des Ukrainekriegs in einen Zug nach Polen gesetzt worden, wo ein Freund aus Deutschland sie abholte und nach Köln brachte. Und so standen sie alsbald vor meiner Tür.

Irgendwie waren sie nicht ganz das, was ich erwartet hatte, falls ich überhaupt Konkretes erwartet hatte: Mit ihren langen braunen Haaren, ebenso langen falschen Wimpern und Fingernägeln, ihren identischen Jogginganzügen, einer grün, einer rot, und schwarzen Daunenjäckchen wirkten sie eher wie Hanka und Nanka im Skiurlaub. Mit dem Unterschied, dass sie nicht wirklich Urlaub machen geschweige denn in Köln sein wollten. Noch hatte ja Kiew nicht mal Angriffe erlebt, und so war auch ihre Familie (ihre Eltern, ältere Schwester und Katzen waren in Kiew geblieben) noch nicht direkt vom Krieg belastet, und es schien, als wüssten sie nicht recht, was der Unsinn soll.

Ein bisschen Sorge hatte ich, dass sie womöglich ein Problem mit den Hunden – mental, allergisch oder auch bloß mit ihrer Zahl – haben könnten, aber die war völlig unbegründet: Von Anfang an genossen sie die Nähe der Hunde (und umgekehrt). Blitzschnell lernten sie ihre Namen und sie auseinanderzuhalten. Und schon nach zwei Tagen hatten auch die Vierbeiner akzeptiert, dass die Zwei nun zur Familie gehörten und schlugen nicht mal mehr an, wenn sie nach Hause kamen. Jeden Tag kamen sie wenigstens einmal runter zu uns, zur „dog therapy“, und streichelten sich durch das ganze Rudel. Und wenn ich mal weg wollte, auch über mehrere Tage, versorgten sie die Hunde mit Freude und das gewissenhafter als jeder Hundesitter, einschließlich der komplizierten Tablettenausgabe.

Dreieinhalb Monate lang haben wir (fast unerwartet für einen Eigenbrötler wie mich) sehr harmonisch unter einem Dach gelebt. Irgendwann aber ließ sich ihr Heimweh doch nicht mehr wegstreicheln, und so machten sie sich vor wenigen Tagen auf die 36 Stunden lange Heimreise nach Kiew …

Ich vermisse sie und hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder, in friedlicheren Zeiten. Oder auch jederzeit vorher, wenn sie es wollen oder es Not tut. Das Obergeschoss bleibt bis dahin jedenfalls wieder leer.

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