Eine ganz besondere Nase

Ehrlich gesagt weiß ich heute gar nicht mehr, ob es ein Fachbegriff war, den wir irgendwo aufgeschnappt hatten, oder ob wir das Wort damals selbst erfunden haben, weil wir nicht „Schweinenase“ sagen wollten. Je länger ich im Netz recherchiere, desto eher glaube ich Ersteres. Unter „Trichternase“ findet man nämlich nur das  formbildende Endstück eines Falztrichters  – oder eben unsere eigenen Beiträge bzw. die anderer Tierschutzvereine jüngeren Datums. Einen anderen, echten Fachterminus habe ich leider bis heute nicht gelesen, wie es überhaupt wenig bis keine frei verfügbaren und v.a. gesicherten Informationen zu diesem Phänomen, seiner Verbreitung und seinen Ursachen gibt.

Es war 2007, als eine ältere Podenca in Son Reus, der Perrera von Palma de Mallorca  landete. Sie war vielleicht 60 cm groß, schneeweiß, leicht rauhaarig, taub, plattfüßig und schon ziemlich arthrotisch. Vor allem aber hatte sie diese auffällige Nase, weshalb man sie „Whitenose“ taufte: Ein Nasenschwamm wie ausgehöhlt, der den Blick tief ins empfindliche Innere der Nase freigab.

Kein Tierarzt, den wir befragten, in Spanien wie in Deutschland, hatte soetwas schon gesehen, darüber gelesen oder eine sichere Idee, was die Ursache sein könnte. Die Vermutungen gingen in Richtung „als Welpe von Ratten angefressen“ über „Unfall“ bis zu „Missbildung“. Natürlich dachten wir auch über mutwillige Verstümmelung nach, aber es erschien uns sehr unwahrscheinlich: Jemand, der einen Hund einfach nur verletzen will, schlägt wohl eher grob mit dem Spaten zu und schnitzt nicht noch ein filigranes Kunstwerk, oder?

Da aber niemand unsere Fragen sicher beantworten konnte, nahmen wir unser „Näschen“ so, wie sie war – ein Unikum ohne Geschichte, bei dem man sich wunderte, welcher Jäger eine so „hässliche“, verbaute Hündin so lange bei sich behalten würde, bevor sie am Ende doch in der Tötungsstation landet.  Für Näschen wurde jedenfalls alles gut: Sie war nur wenige Monate bei mir zur Pflege und fand dann ein wunderbares Zuhause, wo sie noch einige Jahre verwöhnt wurde.

Erst viel später traf ich im Netz wieder auf einen Podenco mit einer identischen Nase, ein Canario-Mädchen, glaube ich. Bei ihr hieß es, Jäger hätten ihr den Nasenschwamm abgeschnitten, damit sie besser riechen könne; diese Theorie hält sich bis heute im Netz und wird von Tierschützern immer wieder gerne aufgegriffen. Sie erschien mir schon damals absurd – aber widerlegen konnte ich sie natürlich nicht. Ich fand es nur extrem abwegig, dass ein Mensch mit einem Fleischermesser ein Sinnesorgan verbessern können sollte, das über jahrhundertelange Selektion längst Perfektion erreicht hatte..? Ich würde sogar annehmen, dass diese Nasenform von Nachteil ist für das Riechvermögen, weil Geruchspartikel nicht so gut kanalisiert und festgehalten werden können. Letztlich konnte ich mir auch ganz pragmatisch nicht vorstellen, wie man eine Nase so akkurat in diese immergleiche Trichterform schneiden kann – an einem vermutlich nicht betäubten Hund, der strampelt und schreit und blutet wie ein Schwein! Zumal die Oberfläche des Restnasenspiegels völlig normal strukturiert aussah – nicht glatt, wie man es von einer ausgeheilten Schnittwunde erwarten würde.

Auch danach geisterten immer mal wieder Tierschutzhunde mit diesem Phänomen durchs Netz – nicht nur Podencos, auch vereinzelt andere Rassen, ich erinnere mich auf jeden Fall an einen Galgo und einen Pointer oder anderen Jagdhund (vereinzelt unter Vorbehalt, denn ich habe natürlich v.a. die Podencos im Blick), vor allem Hündinnen, aber auch Rüden, oft ganz weiß, aber nicht immer und  leider meist erwachsene Hunde, bei denen die Ursachenforschung unmöglich war. Auch ich hatte 2014 noch einmal die zauberhafte Peggy in Pflege – mit Trichternase und einem extremen Überbiss hatte sie das mitreißendste Lächeln, das man sich vorstellen kann, und wickelte alle mit ihrem Charme ein.

 

 


Wirklich sicher, dass diese Nasen angeboren sind  (und wahrscheinlich rezessiv vererbt werden im Gegensatz zu einer embryonalen Fehlentwicklung)  und auf keinen Fall von Jägern bewusst herbeigeführt werden, bin ich mir erst, seit wir eines Tages von einem uns gut bekannten, sehr fürsorglichen Jäger auf Mallorca angerufen wurden: Er hatte einen taufrischen Wurf Ibicencos, und zwei der fünf Welpen, zwei Hündinnen, waren mit Trichternase zur Welt gekommen.


Ich würde mich sehr freuen über Kommentare und Kontaktaufnahme von allen, die einen Hund mit einer solchen Nase zu Hause oder einmal in der Vermittlung hatten, oder aber z.B. aus genetischer Sicht mehr Gesichertes über dieses Phänomen wissen!

(Coverfoto: Sonja Dräger)
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